Staatsanwaltschaft Ulm

Städtebau
Der Bereich Olgastraße Ecke Karl-Schefold-Straße gegenüber dem historischen Bau des Landgerichts zeigt sich wie auch der weitere Verlauf der Olgastraße in Richtung Bahnhof städtebaulich desolat.
Die Bauten aus den 50er bis 80er Jahren sind in Bezug auf Typologie, Geschossigkeit und Gestaltung sehr heterogen.

Unser Beitrag versucht , diese unbefriedigende bauliche Situation durch präzise gesetzte Baukörper (einen 5-geschossigen für den Neubau der Staatsanwaltschaft, 1.BA, und einen 3-geschossigen für den 2.Bauabschnitt Justizbehörden, 2.BA) entlang der Karl-Schefold-Straße, neu zu ordnen.

Der Straßenraum Karl-Schefold-Straße gegenüber dem Humboldt-Gymnasium wird westseitig gefasst, die heterogene „Hinterhoflandschaft“ im Westen des Baugrundstückes wird abgeschirmt.

Einer großzügige Freitreppe, über Eck dem Mittelresalit des Landgerichtes auf der anderen Seite der Olgastraße zugewandt, führt auf eine erhöhte, halböffentliche Platzsituation und eröffnet die Möglichkeit einer natürlich belichteten und belüfteten Tiefgarage mit kurzer Rampenlänge.

Baukörper / Bauabschnitte
Im 1.Bauabschnitt entsteht das Gebäude der Staatsanwaltschaft als strenger, kubischer Baukörper, mit sorgfältig rhythmisierter Lochfassade in Naturstein.
Das Justizhochhaus kann während der Bauphase erhalten bleiben, nach Umzug und Abriss kann der 2.Bauabschnitt mit dem Bau der Justizbehörden als Erweiterungsbau errichtet werden und das Ensemble vervollständigen.
Für den Fall, dass kein 2.Bauabschnitt erfolgt, sollte der angehobene Platz mit darunter liegender Tiefgarage und Freitreppe ausgeführt werden, um das Umfeld der neuen Staatsanwaltschaft frei von Stellplätzen zu gestalten.

Erschliessung
Staatsanwaltschaft und Justizbehörden bilden zwei Adressen mit separatem Eingang unter einem gemeinsamen künstlerisch gestalteten Vordach.
Die fußläufige Erschließung erfolgt über die Freitreppe, von der Karl-Schefold-Straße führt eine behindertengerechte Rampe auf die erhöhte, steinerne Platzebene. Diese ist auch als Feuerwehrzufahrt zu nutzen.
Die Tiefgarage mit 53 Plätzen wird über die Karl-Schefold-Straße mittels einer 2-spurigen Rampe mit getrennter Ein- und Ausfahrt erschlossen. Von ihr aus können beide Gebäude über zentrale Zugänge mit Sicherheitsschleuse und Kartenleser erreicht werden.
Die Anlieferung und Entsorgung der Staatsanwaltschaft erfolgt westseitig entlang der Grundstücksgrenze über eine Schleuse zu einem Ladehof auf der Ebene -1, der auch die Asservatenkammer anbindet.

Organisation
Die Staatsanwaltschaft unterliegt Sicherheitsanforderungen.
Vom zentralen Foyer aus gelangt man über eine Schleuse/Kontrolle vorbei am Pförtner und Wachdienst zu den Erschließungseinrichtungen.
Über eine große zentrale Freitreppe mit Oberlicht oder den Aufzug erreicht man alle Ebenen.
Im Dreibund werden Gemeinschaftseinrichtungen wie Präsenzregistratur, Besprechung, Teeküchen, Kopierräume und Pumi zentral angeordnet, somit sind Funktionalität, Kompaktheit und die Großzügigkeit der Verkehrsflächen gleichermaßen gegeben.
Die jeweils zugehörigen Einheiten Staatsanwaltschaft – Serviceeinheit lassen sich den entsprechenden Anforderungen aufgrund des gewählten Rasters beliebig gruppieren.

Materialität
Die Fassade soll in hellem Kalkstein ausgeführt werden. Gleiches gilt für die Bodenflächen außen und innen, hier in sandgestrahlter Oberflächenbearbeitung.
Türen und sämtliche Einbaumöbel stellen wir uns in gebleichter Eiche vor, Wände und Decken weiß geputzt bzw. gespachtelt.
Die Geländerbrüstungen sind in Weissglass oder ebenfalls in heller Eiche auszuführen.

Kunst am Bau
Iustitia est constans et perpetua voluntas ius
suum cuique tribuendi
Die Gerechtigkeit ist der beständige und dauerhafte Wille, jedem sein Recht zukommen zu lassen

Mit diesem lateinischen Sinnspruch ist das gemeinsame Vordach beider Gebäude perforiert. Im Lauf der Sonne über die Tages- und Jahreszeiten bildet sich der Schriftzug verzerrt und ständig in Bewegung auf dem Vorplatz ab. Am 21. Juni mittags im Zenit sind Perforierung und Bodenmuster deckungsgleich.
Umgekehrt lässt er sich abends und nachts durch die Bodenbeleuchtung von unten auf die Fassade projizieren.
Gleich einer Intarsie wiederholen sich die Schriftzeichen im Bodenbelag durch verschiedenfarbige Kalksteine.

Freiflächen
Im endgültigen Realisierungsstand stehen Platz und Justizgarten dialektisch nebeneinander. Sie sind gegenüber dem Straßenraum angehoben.
Der steinerne Platz als halböffentlicher Raum wird mit Sitzbänken ausgestattet und zum Park durch kleinere Treppen und eine Baumreihe (geordnetes Grün) abgegrenzt. Diese Lindenreihe steht im Gegensatz zur freien landschaftsgärtnerischen Gestaltung des Parks mit Rasenflächen, Sträuchern und Bäumen.

An der Straßenecke Olgastraße – Karl-Schefold-Straße wird eine „Gerichtslinde“ exponiert gepflanzt – symbolisch für die alte Tradition der Verkündung und Urteilsbildung.

In vielen Regionen Deutschlands war sie einst Verkündstätte, Versammlungsort, hier wurde Gericht gehalten.
Noch Kurfürst August von Sachsen unterzeichnete seine Verordnungen mit „Gegeben unter der Linde“.  Auch der Ausdruck subtil leitet sich von der Linde her – sub tilia. Unter den Linden wurden keine harten Urteile gesprochen, wo es um Leben und Tod ging, sondern hier wurden eher leichte Fälle behandelt. Bekannte Gerichtslinden sind zum Beispiel die Mahllinden bei Oberdorla und die Gerichtslinde (Mallinde) oberhalb Berka v. d. Hainich.

 

 

Status: Wettbewerbe
Ort: Ulm
Projektdauer: 2010 - 2010